Was sagen Sie jetzt?
Von Urs Paul Engeler
Der Fichenskandal war gestern, jetzt kommt
Onyx: Das Abhörsystem kann jeden Bürger belauschen und ist so
geheim, dass selbst Parlamentarier nur den Tarnnamen kennen.
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(Bild: Raffael
Waldner) |
Wäre im Januar 1999 ein Gemeinderat der kleinen
Berner Kommune Zimmerwald nicht etwas zu geschwätzig geworden und
hätte Der Bund die kleine Information, dass die bestehende Horch-
und Auswertungszentrale auf dem Längenberg südlich der Bundesstadt
ausgebaut werde, nicht aufgeschnappt und verbreitet, wüsste die
Schweizer Bevölkerung bis heute gar nichts. Sie wüsste nicht, wozu
an drei Orten der Schweiz riesige Parabolantennen errichtet wurden.
Sie wüsste nicht, dass Hunderte von Millionen Franken am Parlament
vorbeigeschmuggelt wurden. Sie wüsste nicht, dass militärische
Schnüffler sämtliche Telefongespräche und andere Kommunikationsakte
via Satellitenlinks registrieren und auswerten können. Und sie
wüsste nicht, dass alle ins Ausland laufenden Satellitenverbindungen
tatsächlich auch systematisch überwacht und nach bestimmten, aber
geheim gebliebenen Kriterien durchforscht werden.
Was die
Geheimdienstler allerdings genau abhören und wer welches Material zu
welchem Zweck erhält und wie weiterverwendet, ist auch bis heute
nicht ganz klar. Zwar stellen Parlamentarier ab und zu Fragen, doch
das zuständige Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und
Sport (VBS) windet sich. Der grösste und perfideste Lauschangriff
der Geschichte der Schweiz wurde an allen Kontrollinstanzen vorbei
eingerichtet und dem Volk verschwiegen. Darum ist denkbar bis sehr
wahrscheinlich, dass in einigen Jahren (wieder einmal) eine
Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) diese Anmassung der
Militärs und Politiker aufarbeiten und stoppen muss.
Am
Mittwoch, dem 13. August 1997, tagte der Bundesrat in der Besetzung
Jean-Pascal Delamuraz (FDP), Kaspar Villiger (FDP), Arnold Koller
(CVP), Flavio Cotti (CVP), Ruth Dreifuss (SP), Moritz Leuenberger
(SP) und Adolf Ogi (SVP). Ogi, der damalige Wehrminister, brachte
den hochgeheimen Antrag ein, es sei das «Projekt Satos 3» zu
starten, die dritte Stufe eines seit Anfang der neunziger Jahre
laufenden militärischen Geheimprogramms. «Satos 1» und «Satos 2»
waren Systeme, mit denen die Kommunikation per Kurzwellen, Richtfunk
und Faxsignale abgefangen werden konnte. Nun sollte Satos 3 die
vollständige «elektronische Aufklärung von Satellitenverbindungen»
ermöglichen, genau wie das grosse Vorbild, das «Echelon»-System der
USA.
Ausgearbeitet hatte den Plan, von Zimmerwald aus
weltweit die Telefon-, Fax- und Mailverbindungen zu überwachen, der
militärische Geheimdienst unter dem Kommando von Divisionär Peter
Regli. Die Kosten für den Aufbau der Infrastrukturen und für die
Software wurden intern auf rund fünfzig Millionen Franken geschätzt,
ohne die Löhne der über vierzig Sprachspezialisten und Informatiker,
die rekrutiert werden mussten. Die Landesregierung stimmte erstens
dem Vorhaben Satos 3 zu, segnete zweitens die versteckte, also
illegale Finanzierung und drittens die totale Geheimhaltung ab. Der
Entscheid vom 13. August 1997 fehlt sogar im hochvertraulichen
Verzeichnis der Beschlüsse des Bundesrates. Ein Protokoll existiert
offenbar auch nicht; an die Öffentlichkeit drang nichts.
Mysteriöser Gedächtnisschwund
Bis die lokalen Behörden
schwatzten. Der Generalstab reagierte mit einem summarischen
Communiqué des spärlichen Inhalts, dass er «zwecks elektronischer
Aufklärung sicherheitspolitisch bedeutsame Informationen» sammeln
wolle. Ende der Durchsage. «Weiter gehen wir, im Interesse des
Projekts, nicht», erklärte Divisionär Regli, Chef der Untergruppe
Nachrichtendienst (Una), im betriebsinternen Blättchen, «wir müssen
auch dafür sorgen, dass wir es der ‹Gegenseite› nicht zu leicht
machen.» Wobei er und seine Geheimdienstler mit «Gegenseite»
offensichtlich vorab das Parlament und das Volk meinten.
Erst einige Wochen nachdem das Vorhaben durch die Info-Panne
publik geworden war, also knapp zwei Jahre nach dem Beschluss und
nach ersten Pressemeldungen, bequemte sich Generalstabschef
Hans-Ulrich Scherrer, die Geschäftsprüfungsdelegation (GPDel) knapp
einzuweihen. Die sechs GPDel-Mitglieder, verantwortlich für die
parlamentarische Kontrolle der Geheimbereiche, hielten sich brav an
die von der VBS-Spitze ausgegebene Order («Es wurde strengstes
Stillschweigen befohlen!») und konnten sich wie SVP-Ständerat
Bernhard Seiler, Präsident des behördentreuen Ausschusses, bald «an
gar nichts mehr erinnern».
Die sicherheitspolitischen
Kommissionen wurden gar nie informiert. Nur deren Präsidenten,
Nationalrat Jean-Pierre Bonny (FDP, BE) und Ständerat Eric Rochat
(LPS, VD), erhielten nachträglich eine vertrauliche Abreibung mit
dem Ziel der Vertuschung und Verwedelung. In keinem
parlamentarischen Ausschuss wurde das folgenschwere Projekt je
andiskutiert.
In fast fahrlässiger Ahnungslosigkeit hatte
darum das Parlament zuerst unter nicht näher deklarierten Rubriken,
später unter dem verschleiernden Titel «Neubau eines
Mehrzweckgebäudes in Zimmerwald» blind ab 1997 regelmässig
Kredittranchen bewilligt. Unter den «verschiedenen Zwecken» der
Anlage, die nie genau benannt wurden, sind Dutzende von
Arbeitsplätzen für die elektronischen Überwacher, Antennen sowie der
Einbau von Grossrechnern zu verstehen. Die Abhöranlage war bereits
konzipiert, viele Einrichtungen erstellt, als ausgewählte Vertreter
des Parlaments erstmals davon erfuhren. Als der Nationalrat das
Projekt kurz besprach (die Ständeräte verzichteten auf jede
Wortmeldung!), waren erste Probeläufe schon absolviert. Im April
2000 nahm das mittlerweile in «Onyx» umgetaufte System zum ersten
Mal seinen Betrieb auf; im April 2001 ging es in einen
«operationellen Probebetrieb» über. Ab 2004 läuft der «operationelle
Betrieb». Ab 2005 soll Onyx mit voller Leistung arbeiten; dazu wird
die Zahl der Parabolantennen nochmals verdoppelt.
Bereits die
verdeckte, illegale Finanzierung des gigantischen Systems ist ein
Skandal, wenn auch noch der kleinste. Das zweite Ärgernis ist der
steile Anstieg der Kosten. Gemäss inoffiziellen Angaben bewilligte
der Bundesrat im August 1997 einen Betrag von 50 Millionen für das
Projekt. Diese Summe hat sich laut GPDel-Berichterstatterin,
FDP-Ständerätin Helen Leumann (LU), bis Mitte 2003 bereits
verdreifacht. Experten sprechen sogar davon, dass die derzeit
erwarteten (aber nie bestätigten) Gesamtkosten für das ausser
Kontrolle geratene Vorhaben nicht bei 150 Millionen, sondern bei
rund 400 Millionen Franken lägen. Die Betriebskosten werden, je nach
Quelle, auf 10 bis 30 Millionen Franken jährlich beziffert. Die
Zahlen werden dem Steuerzahler aus Gründen der Geheimhaltung
verschwiegen.
Genaue Beträge will auch die spät auf den
delikaten Fall aufmerksam gewordene Eidgenössische Finanzkontrolle
(EFK) nicht nennen. Sie monierte indes in ihrem Jahresbericht 2003
erstmals, «dass die geschätzten Kosten, die dem Entscheid des
Bundesrates zugrunde gelegt wurden, zu wenig fundiert waren
beziehungsweise ungenügende Hinweise auf Unsicherheiten und Risiken
gemacht wurden». Mit der Abwicklung des Projektes über drei
verschiedene Budgetrubriken werde zudem die finanzielle Transparenz
eingeschränkt. Mehr hat die zahlende Öffentlichkeit bisher nicht
vernommen. Offensichtlich ist das Projekt Satos-Onyx den internen
Revisoren bereits definitiv entglitten.
Denn auch die
Finanzdelegation des Parlaments, die sich am 1. April 2004 zum
Problem äusserte, erklärte sich für überfordert. Sie «erkannte am
Beispiel von Satos gewisse Schwächen bei der Bewilligung von
Krediten bei Projekten, bei denen ein Geheimhaltungsbedürfnis
besteht und bei denen aus diesem Grund den parlamentarischen Organen
und der Öffentlichkeit nicht die sonst üblichen Informationen
gegeben werden können». Resignierend stellte sie fest, dass sie bei
der Kontrolle «dieses schwierigen Projekts» an ihre Grenze stosse:
«Kreditteile sind aber verstreut in verschiedenen Krediten, was von
den Finanzaufsichtsorganen einen speziellen Effort verlangt, um sich
einen Überblick zu verschaffen.» Die skeptisch gewordenen
Oberaufseher versprachen, später «auch Fragen über das Verhältnis
von Aufwand und Ertrag bei Onyx zu thematisieren».
Illegale Volksbeschnüffelung
Zwischenzeitlich aber
werden über verdeckte Zusatz- und Ergänzungskredite laufend Dutzende
von Millionen Franken für Onyx abgezweigt, und zwar weiterhin so,
«dass sie nicht ohne weiteres von jeder Person in Erfahrung gebracht
werden können», wie der Bundesrat die wiederholte Irreführung von
Parlament und Öffentlichkeit erst kürzlich wieder
begründete.
Konsequent hat das Verteidigungsdepartement darum
per 2005 im Sammelkredit Projektierung, Erprobung und Vorbereitung
von Rüstungsbeschaffungen (PEB) wieder zehn Millionen Franken
versteckt, die der Weiterentwicklung der Onyx-Technologie dienen,
wie das VBS auf Nachfragen herausrückt. Der neue Tarnbegriff stammt
wie der Halbedelstein Onyx aus der Mineralogie und lautet
«Malachit». Ob unter diesem Namen das jetzige System erweitert,
schon neu konzipiert oder einfach anders verschleiert wird, muss
offen bleiben.
Die geheimen Spionageanlagen werden von der
Generalstabsabteilung Elektronische Kriegsführung (EFK) betrieben.
Die Führungsunterstützungsbrigade 41 führt Recherchieraufträge aller
Art aus. Auftraggeber und Abnehmer ist offiziell der Strategische
Nachrichtendienst (SND), wie der militärische Auslandgeheimdienst
inzwischen heisst. Obwohl die rechtlichen Grundlagen dazu fehlen,
wird die Einrichtung indes auch von zivilen Stellen genutzt,
besonders vom Dienst für Analyse und Prävention (DAP), dem früher
und klarer Bundespolizei oder Fichenpolizei genannten
Inlandgeheimdienst, aber auch vom Departement für auswärtige
Angelegenheiten (EDA). Die Bewilligungen erteilt, ohne öffentliche
Orientierung, der Bundesrat, der die grossen Onyx-Ohren vom Aus-
auch ins Inland lenken kann, etwa zur Überwachung von Grossanlässen
wie dem WEF in Davos oder dem G-8-Gipfel. Der Grund für diese
schlanke Erweiterung der Kompetenzen ist ebenso einfach wie
illegitim: Für die traditionelle Telefon- und Faxkontrolle braucht
es einen dringenden Tatverdacht und eine richterliche Verfügung.
Dank Onyx werden die Bundespolizei und politische Instanzen neu
formlos und frei Haus und unkontrolliert mit den gewünschten
Informationen beliefert.
Hochgeheime Liste
Die Resultate des Systems dürfen nicht
unterschätzt und als Spielerei abgetan werden. Auf den
Onyx-Grossrechnern laufen Programme, welche alle abgesaugten
Rohinformationen mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI),
optischer Texterkennung (OCR), Sprach- und Stimmprüfung sowie von
Schlüsselwort- und Themenanalysen filtern und sortieren. Werden vier
bis fünf dieser «hitwords» oder «keywords» kombiniert, lässt sich
die riesige Datenflut entscheidend kanalisieren.
Nach
Meinung des deutschen Geheimdienstexperten Erich Schmidt-Eenboom
kann mit dieser Methode der undurchschaubar scheinende
Informationswirrwarr auf eine überschaubare Menge reduziert werden:
«Werden die Suchbegriffe gezielt verbunden, reduziert sich die
gigantische Informationsmasse rasch auf ein politisch und
polizeilich verwertbares Mass.» Von der hochgeheimen Liste dieser
Schlüsselwörter, erstellt von den Geheimdiensten, offiziell
abgesegnet vom Bundesrat, weiss man nur, dass sie «laufend
aktualisiert» wird. Die Liste der «hitwords» im Bereich des
Waffenhandels soll mehr als zehn Seiten mit je 25 Begriffen
umfassen.
Wie die Internetsuchmaschine Google innert Sekunden
das endlos scheinende WWW-Meer nach den gewünschten Begriffen
ausfischt, so kann auch Onyx den gesamten Telefon-, Fax- und
Mailverkehr, der über Satelliten läuft, permanent und methodisch
clever überwachen. Je nach Auftrag werden zwischen fünf und mehreren
hundert Begriffen eingegeben. Je präziser die Schlüsselwörter, desto
exakter die Resultate. Allgemeine Ausdrücke wie «Terrorismus»,
«Bombe» oder «Anthrax» sind laut Spezialisten ungeeignet. Die
Verknüpfung konkreter Städtenamen wie «Riad», «Bagdad» oder
«Falludscha» mit Sprengstoffen wie «TNT», «Anfos» oder «RDX» und den
Namen verdächtiger extremer Muslime im Mittleren und Nahen Osten
hingegen ist als Filter bereits durchaus geeignet. Nach dem gleichen
Muster werden derzeit konkret auch Vorgänge in der russischen
Politik und Wirtschaft (vom Handel mit Erdgas bis zum Verkauf von
radioaktivem Material), in Transkaukasien und auf dem indischen
Subkontinent ausgehorcht.
So weit, nicht so bedrohlich,
könnte der Schweizer Bürger hier aufschnaufen – bis er merkt, dass
er in den letzten zwei Wochen telefonische Kontakte in eine dieser
Regionen hatte und dass per Parlamentsbeschluss sein Handy nun
registriert ist. Was den Schnüfflern allenfalls aufgefallen ist,
wird er nie erfahren. Die tatsächlichen Recherchestrategien und
deren (auch in der Schweiz verwertbare) Ziele bleiben streng geheim;
zum Missbrauch wird nachgerade eingeladen. Denn die
Nachrichtendienste sind im Unterschied zur Polizei «befugt,
Personendaten, mit Einschluss von besonders schützenswerten
Personendaten und von Persönlichkeitsprofilen, zu bearbeiten,
gegebenenfalls ohne Wissen der betroffenen Personen... [Sie können]
im Einzelfall Personendaten in Abweichung von den
datenschutzrechtlichen Bestimmungen ins Ausland weitergeben.» Und
dürfen, immer gemäss Artikel 99 des Militärgesetzes, solche
Informationen, sollten sie «für die innere Sicherheit oder die
Strafverfolgung von Bedeutung sein», dem Bundesamt für Polizei
weiterleiten.
Die abgefangenen Daten fliessen den
Hochleistungscomputern, die im Bunker von Zimmerwald stehen, aus
zwei Quellen zu: zum einen von Leuk im Kanton Wallis, wo die
Bodenstation der Swisscom mit einem zusätzlichen Parabolspiegel (für
0,9 Millionen Franken) ausgestattet wurde. Die ins Weltall
gerichteten Riesenohren fangen alle Wellenbündel («downlinks») ab,
die von den Kommunikationssatelliten Intelsat, Eutelsat, PanAmSat,
Arabsat und Gorizont an ihre Bodenstationen geschickt werden. Pro
Satellit, der überwacht wird, ist eine Antenne notwendig.
Gefälligkeiten fürs US-Militär
Mittlerweile hat die
Swisscom das Areal in Leuk an die Verestar Teleport verkauft, einen
amerikanischen Telekommunikationskonzern, der alle Arten von
leitungsgebundenen oder satellitengestützten Verbindungen anbietet
und auch das US-Verteidigungsministerium beliefert. Die Behauptung,
dass technische und organisatorische Verbindungen zwischen dem
Schweizer Horchposten und der Verestar-Anlage bestünden, geht auf
Berichte der französischen und belgischen Sicherheits- und
Verteidigungskommissionen aus dem Jahr 2002 zurück.
Trotz
der unmittelbaren Nachbarschaft der beiden
Kommunikationsknotenpunkte beruhigte der Bundesrat: Es gebe keine
Verbindung zwischen dem Onyx-System und der US-Firma; und die
Verestar AG operiere nicht mit sensiblem Material. Zumindest die
zweite Behauptung ist mittlerweile widerlegt: Die Verestar stellt
für die US-Navy Satellitenverbindungen her, unter anderem für die
Flotte im Mittelmeer. Diese Dienste wurden zumindest zeitweise von
Leuk aus erbracht. Überdies arbeitet die Firma mittlerweile eng mit
der SES Americom zusammen, deren Kerngeschäft die
Satellitenkommunikation für das US-Verteidigungsdepartement ist. Was
für die Schweizer Behörden offenbar kein Problem darstellt. Man
arbeitet, quasi als Juniorpartner, ohnehin eng mit den mächtigen
US-Diensten zusammen.
Die zweite Abhörstation befindet sich
in der «permanenten Einsatzzentrale Heimenschwand» ob dem Thunersee,
die mittlerweile mit acht Parabolspiegeln (und Betonsockeln für
weitere Anlagen) von zwischen 11 und 13 Meter Durchmesser bestückt
ist (erste Kostenschätzung: 7 Millionen Franken). Verkauft wurden
dem ahnungslos zunickenden Parlament die beeindruckenden Anlagen als
«Umbauarbeiten an zwei Standorten für permanente Einsatzzentralen im
Rahmen des Projektes Satos 3» (das es offiziell gar nicht
gab).
Heute stehen ausserhalb des kleinen Dörfchens, an einem
Waldrand in Richtung Hirsetschwendi, nicht nur riesige Antennen,
sondern auch zwei grosse, ganz neu erstellte Gebäude mit Dutzenden
von Büroräumen und eine Baracke – alles geschützt mit einem
Stacheldrahthang und Überwachungskameras.
Permanente Rechtsverletzung
«Das System hat nicht nur
Vorteile», stellte in auffallendem Understatement die GPDel nach
einer ersten Prüfung Ende 2003 fest: Es könne «bedeutsame Risiken
für die Grundrechte zeitigen». Bei näherer Prüfung durch die
Parlamentarier zeigte sich, dass der Grosse Bruder Onyx während 365
Tagen im Jahr und rund um die Uhr in einer mehr oder weniger
rechtsfreien Zone agiert. Das ist nach dem Finanzskandal die
andauernde Verletzung der Bürgerrechte. Diese Verstösse haben das
Potenzial, in den nächsten Jahren zu platzen.
Laut Vorgaben
dient das Onyx-System allein dazu, Verbindungen im Ausland, vom
Ausland in die Schweiz oder von der Schweiz ins Ausland abzuhören,
lediglich Telekommunikationsteilnehmer im Ausland zu identifizieren
und nur aus dem Ausland stammende Daten abzufangen und zu
bearbeiten. Beteiligt an diesen Gesprächen sind jedoch meist auch
Bewohner des eigenen Landes. Fallen bei dieser «Massenüberwachung
von Kommunikation» (GPDel) als «Nebenprodukte» Informationen über
Schweizer Bürgerinnen und Bürger an, so darf die militärische
Elektronische Kriegsführung (EKF) auch solche Daten «bearbeiten» und
sie in dieser Form an die «betreffenden Auftraggeber», das heisst
vor allem den früheren Ficheuren und «Staatsschützern», den
Bundespolizisten im Dienst für Analyse und Prävention (DAP),
weiterleiten.
Eine aus mehreren Departementen
zusammengesetzte UKI (eine sogenannte Unabhängige Kontrollinstanz,
faktisch bestellt vom VBS selbst, abgesegnet vom
Sicherheitsausschuss des Bundesrates) soll seit 2003 den Verkehr
zwischen Auftraggebern und Lauschern überprüfen, «wobei sie die
Prioritäten, die durch die Nachrichtenbedürfnisse der politischen
Instanzen vorgegeben sind, berücksichtigt». Sonst ist von dieser UKI
nichts bekannt: nicht die Zusammensetzung nach Namen oder
Bundesämtern, nicht einmal die genaue Anzahl ihrer Mitglieder, nicht
ein einziger Kontrollbericht. Die geheime UKI arbeitet mindestens so
geheim wie die Geheimdienstler, die sie überwacht.
2003 hat
sich – endlich – die Geschäftsprüfungsdelegation die Mühe gemacht,
sich das diskret errichtete Ermittlungssystem etwas genauer
anzuschauen. Am 10. November lieferte sie einen Bericht ab, der mit
dem Bekenntnis zur Zurückhaltung beginnt. So werden explizit
keinerlei «Angaben über Kapazität, Kosten und Leistungsfähigkeit des
Systems» gemacht, weil diese – man staune – «den Aussenbeziehungen
der Schweiz abträglich sein» und – nicht ganz unerwartet – «die
Privatsphäre Dritter» verletzen könnten.
Immerhin erwähnen
die vorsichtigen Parlamentarier, dass der laufende Onyx-Betrieb mit
der geltenden schweizerischen Rechtsordnung unter verschiedenen
Titeln gar nicht vereinbar ist:
1 - Bereits die vom
militärischen Geheimdienst unter dem Titel «äussere Sicherheit»
getätigten Abhörungen seien gesetzlich kaum abgestützt.
2 -
In keinem Gesetz vorgesehen und geregelt, also völlig illegal seien
vor allem die von den präventiv schnüffelnden Bundespolizisten im
DAP in Auftrag gegebenen Kommunikationsüberwachungen. Auch wenn der
Bundesrat verspreche, die gesetzliche Lücke gelegentlich zu
schliessen, bestehe die Gefahr, dass der gegenwärtige Probebetrieb
ein Präjudiz für neue Kompetenzen der Staatsschützer
schaffe.
3 - Das Abhören eines Kommunikationsteilnehmers im
Ausland auf fremdem Hoheits-gebiet stehe im Widerspruch zur
territorialen Souveränität dieses Landes. Es sei zumindest denkbar,
dass ein Staat oder eine Privatperson den Europäischen
Menschenrechtsgerichtshof, den Menschenrechtsausschuss der Uno oder
den Internationalen Gerichtshof anrufe, um die Schweizer Behörden
anzuklagen.
Besorgt stellte die GPDel schliesslich fest,
dass die Onyx-Geheimaktivitäten «mehr als andere Tätigkeiten ein
Missbrauchspotenzial aufweisen, da sie sich weitgehend der
traditionellen Kontrolle wie der Justiz oder den Medien entziehen».
Die Aufsicht wird erstens durch die verwaltungsinterne und anonyme
UKI und zweitens durch eine kleine Gruppe, bestehend aus dem
VBS-Departementschef, seinem unterstellten Generalstabschef sowie
dem Onyx-Projektleiter, ausgeübt. Das System wird also
ausschliesslich durch seine Ersteller und Profiteure
kontrolliert.
Weltweite Tauschbörse
Vollends im Dunkeln verbleibt die
Verwendung des aus dem Äther gefischten Geheimmaterials. Laut
GPDel-Bericht bilden die Onyx-Informationen «ein nützliches
Tauschmittel» an der internationalen Geheimdienstbörse. Der Aufwand
von Hunderten von Millionen Franken wird demnach hauptsächlich
betrieben, um «befreundete Dienste» (im Klartext: die Secret
Services der USA) zu beliefern: «Die mit Hilfe von Onyx eingeholten
Informationen sind deshalb auch ein Instrument, mit dem die Türen zu
anderen Nachrichtendiensten geöffnet werden können und mit dem sich
die schweizerischen Nachrichtendienste im Ausland Glaubwürdigkeit
verschaffen können.»
Freimütig bekennt sich Hans Wegmüller,
Chef des Strategischen Nachrichtendienstes der neutralen Schweiz,
zur schlanken Kooperation mit den USA: «Wir sind da relativ offen.»
Bundesrat Samuel Schmid, oberster Chef der helvetischen Horcher und
Spione, prahlte kürzlich in einer Bundesratssitzung gar: «Mein
Nachrichtendienst ist die einzige Schweizer Dienststelle, die in den
USA noch Vertrauen hat und die von den Amerikanern ernst genommen
wird!»
Bei derart engen Verflechtungen zwischen den Schweizer
und den US- oder Nato-Diensten schrumpft die immer wieder gestellte
Frage nach der direkten technischen Vernetzung von Onyx mit dem
amerikanischen Echelon-System zur Bagatelle. Wenn die
Geschäftsprüfer vermelden, dass sie keine Hinweise «auf eine
mögliche Integration des Systems Onyx in irgendein internationales
Abhörnetz» gefunden hätten, dass Onyx «autonom» funktioniere und
«über keine Schnittstellen mit einem anderen, ausländischen System»
verfüge, dann sind diese Erkenntnisse relativ unerheblich.
Die Zusammenarbeit funktioniert vor dem Akt der Abhörung. Es
werden Frequenzen, Übermittlungskanäle, Verkehrsanalysen und sogar
auch Rufnummern ausgetauscht, um die Aufklärungsziele besser zu
identifizieren oder um Doppelspurigkeiten zu vermeiden. Und die
internationale Gruppenarbeit wird nach erfolgter Belauschung
fortgesetzt: Die Resultate werden quasi automatisch weitergeleitet
und gegenseitig abgeglichen.
Der allenfalls betroffene Bürger
hat keine Möglichkeit, sich zu wehren, findet im ganzen Rechtsstaat
Schweiz keine Instanz, die er anrufen könnte. Zustände, schlimmer
noch als zur schlimmsten Zeit der Fichenproduktion in der
Bundespolizei. Als Odilo Guntern noch oberster eidgenössischer
Datenschützer war, verwies er bei Fragen nach Kontrolle und Grenzen
der militärischen Sammelwut und nach den Rechten der Bürger, die
Schultern zuckend, auf Artikel 99 des Militärgesetzes, das dem
Nachrichtendienst alle Ausnahmen vom Schweizer Datenschutzrecht
gewährt. Und er schloss seine Ausführungen jeweils mit dem
deprimierenden Satz: «Ein Nachrichtendienst ist eben ein
Nachrichtendienst.» Politik und Recht, Bürgerinnen und Bürger
bleiben ausgesperrt.
Vorabdruck
aus:
Peter Röthlisberger (Hg.): Skandale.
Was die
Schweiz in den letzten zwanzig Jahren bewegte.
Orell Füssli. 232
S., Fr. 39.80
Erscheinungsdatum: 18. März 2005

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